Was hat der Bahnhof Wilhelmshöhe mit Rassismus zu tun? Oder meine Jeans aus dem City-Point mit neokolonialer Arbeitsteilung? Warum sind manche Straßennamen ein Problem? Und wie sieht eigentlich die Vergangenheit von Kassels Rüstungsindustrie aus?

Mit dieser Karte möchten wir dazu einladen, Kassel aus einer postkolonialen Perspektive zu betrachten und dadurch Neues über die Stadt zu erfahren. Mit einem Klick auf die Markierung auf der Karte gelangst du zu weiteren Infos zu dem jeweiligen Ort und kannst dort nachlesen, wie er sich aus postkolonialer Perspektive darstellt.

Witzenhausen (ehemalige Kolonialschule, heute DITSL)

Von 1898 bis 1944 bildete die Deutsche Kolonialschule in Witzenhausen „deutsche Kulturpioniere“ für die landwirtschaftliche Arbeit in den Kolonien aus. Seit 1956 befindet sich in ihren Gebäuden das Deutsche Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft (DITSL), heute Teil des Fachbereichs Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel.

Orangerie (Kolonialausstellungen)

1897 und 1905 fanden in der Orangerie, dem Schloss am nördlichen Rand der Karlsaue, Kolonialausstellungen statt. In diesen wurden ethnographische Sammlungen, Pflanzen, koloniale Rohstoffe und Produkte (Kaffee, Schokolade, Tabak, Elfenbein etc.) sowie Maschinerie ausgestellt. Beteiligt waren neben kolonialen Interessensverbänden wie der Deutschen Kolonialgesellschaft auch wissenschaftliche Einrichtungen und privatwirtschaftliche Unternehmen. 1911 gab noch einmal eine Ausstellung im Stadtteil Bettenhausen, mit knapp 200.000 Besucher*innen. Die Kolonialausstellungen hatten zum Ziel, für Deutschland koloniale Bestrebungen zu werben. [Link Hessen Postkolonial: http://www.inst.uni-giessen.de/hessen-postkolonial/doku.php?id=de:koloniale_repraesentationen:kolonialausstellungen]

Halitplatz

Seit Oktober 2012 erinnert der Halit-Platz in Kassel an den am 6. April 2006 ermordeten Halit Yozgat, das neunte Opfer des rechtsterroristischen NSU. Halit Yozgat wurde in seinem eigenen Internetcafé, in der Holländischen Straße, durch mehrere Kopfschüsse getötet. Der Halit-Platz verweist dabei auf die weiterhin ungeklärten Fragen und Ungereimtheiten hinsichtlich des Aufklärungsprozesses der Mordserie. Darüber hinaus ist er ein Symbol für den noch immer nicht erfüllten Wunsch der Familie Yozgat, die Holländische Straße in Halit Straße umzubenennen.

Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe

Die beiden Kasseler Bahnhöfe stellen wie viele weitere Bahnhöfe in Deutschland Orte institutioneller, rassistischer Praxen dar. Nicht-weiße Menschen werden unverhältnismäßig oft von der Polizei angehalten und überprüft. Mit einem auf äußerem Erscheinungsbild basierenden Selektionsprozess wird Schwarzen Menschen und People of Color nicht nur das Deutschsein abgesprochen, sondern zugleich ein potenziell illegaler Status zugeschrieben. Die gängige Praxis des Racial Profiling an deutschen Bahnhöfen stellt damit eine grund- und menschenrechtlich verbotene diskriminierende Praxis dar.

Kolonialwarenladen

Anders als bei heutigen Lebensmittelläden weist schon der Name „Kolonialwarenladen“ auf die Herkunft vieler dort angebotener Waren hin. So konnten z.B. Kaffee, Tabak, Tee und zahlreiche Gewürze nur durch den gewaltsamen Zugriff Europas auf Ressourcen, Land und Arbeitskraft in den kolonialisierten Gebieten hier in Kassel verkauft werden.

City-Point

City-Point ist nicht nur ein nach Eigendarstellung “lebendiger Marktplatz”, seine ca. 70 Läden zeugen auch davon, wie stark in Kassel lebende Menschen in neokoloniale Konsum- und Produktionsverhältnisse eingebunden sind und davon profitieren. Unterhaltungselektronik, Kleidung und Lebensmittel werden oftmals in ehemals kolonisierten Ländern unter schlechten Arbeitsbedingungen und mit gravierenden ökologischen Auswirkungen auf Menschen und Natur produziert.

Henschel-Werke

Wo heute an der Universität Kassel studiert wird, fungierte das älteste Rüstungsunternehmen Deutschlands (heute Thyssen-Henschel) als wichtigster Hersteller von Güterwaggons im Nationalsozialismus und betrieb in Kassel mehrere Lager für Zwangsarbeiter*innen. Bereits Jahrzehnte zuvor dienten Lokomotiven der Firma Henschel dem europäischen Kolonialismus zur Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen, vor allem in Afrika.

Krauss-Maffei Wegmann / Rheinmetall Defence

Heute einer der Marktführer für schwere Militärsysteme, ist Krauss-Maffei Wegmann seit dem späten 19. Jahrhundert in Kassel verwurzelt. Bereits als Wegmann und Co. exportierte das Unternehmen in kolonisierte Gebiete und unterstützte so die gewaltsamen Eroberungen durch Europa. In direkter Nachbarschaft befindet sich auch Rheinmetall Defence, ein Rüstungsunternehmen mit 850 Mitarbeiter*innen in Kassel. Dies sind zwei der größten, aber lange nicht die einzigen Waffenfabriken in Kassel. Rüstungsgüter wie die Leopard- und Puma-Panzer sind gegenwärtig in Konflikten weltweit im Einsatz.

Mohren-Apotheke am Bebelplatz

Die ‘M.’-Apotheke am Bebelplatz in Kassel verweist, als ein Beispiel von vielen, auf die sprachlichen Kontinuitäten einer unzureichenden gesellschaftlichen Aufarbeitung der deutschen Beteiligung an den Kolonialverbrechen. ‘M.’ stellt dabei eine der ältesten diskriminierenden Fremdbezeichnung Schwarzer Menschen dar. Mit der fortführenden Verwendung im Namen der Apotheke wird kolonialrassistisches Gedankengut nicht nur erhalten, sondern darüber hinaus die Notwendigkeit der Dekolonisierung des öffentlichen Raums negiert.

Afrika-Viertel

(Togostraße, Togoplatz, Windhukstraße, Lüderitzstraße, Wißmannstraße)

Im Kasseler Stadtteil Forstfeld befindet sich die sogenannte Städtische Siedlung, die auch uch „Afri“, „die Afrika“, „Afrika-Siedlung“ oder „Afrika-Viertel“ genannt wird. Dort sind einige Straßen noch immer nach Orten (Togo und Windhoek) sowie nach Kolonisatoren (Adolf Lüderitz und Hermann Wissmann) des Deutschen Kolonialreichs benannt. Circa 1937/38 erwarb das Stadtteil Forstfeld aufgrund dessen im Volksmund den inoffiziellen Namen Afrika-Siedlung. Heute wird der Stadtteil teilweise, überwiegend von dort wohnenden Jugendlichen, noch „Afri“ genannt.

Bergpark Wilhelmshöhe

Im ausgehenden 18. Jahrhundert galt es als schick, Weltläufigkeit in landschaftsgärtnerischer Form zu demonstrieren. Im Kasseler Bergpark wurde hierzu auf Initiative von Landgraf Friedrich II. ab 1781 das chinesische Dorf “Mulang” eingerichtet, um mit Mühle, Schafstall und Milchhäuschen idyllisches Landleben zu demonstrieren. Allerdings gelang es nicht, chinesisches Personal anzustellen, stattdessen arbeiteten dort etwa 50 Schwarze Menschen. Einige von ihnen wurden vermutlich von nordhessischen Offizieren aus den nordamerikanischen Befreiungskriegen verschleppt, andere scheinen aus Kamerun nach Kassel gelangt zu sein. Einige von ihnen starben früh, ihre sterblichen Überreste wurden für Anatomie”studien” genutzt. Über eine angemessene Bestattung ist nichts bekannt.